Geschichte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Martin Schunk   

Gedenkstättenbesuche und -arbeit / Durchführung von Zeitzeugengesprächen

Auschwitz1Die Auseinandersetzung mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts stellt nicht nur im Sinne einer historischen Ursachenforschung, sondern auch im Hinblick eines zukünftigen Handelns unserer Schülerinnen und Schüler einen wichtigen Baustein des Geschichtsunterrichts dar. Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei der Besuch von und die Arbeit in Gedenkstätten. Dazu finden folgende Projekt- und Studientage an der Rheingauschule statt.

  • Studientag der Jahrgangsstufe 9 in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen: Dieser Studientag wird durch die Fachlehrer im Unterricht intensiv vor- und nachbereitet. Dabei steht die Funktion dieses frühen Lagers, die Häftlingsgruppen und der Alltag der Häftlinge im Mittelpunkt. Ausgehend von den Fragen der Schüler, findet vor Ort eine angeleitete Selbstführung durch die ständige Ausstellung statt. Diese wird in der anschließenden Reflexionsrunde ausgewertet, wobei Raum für eine vertiefende Auseinandersetzung bleibt. Eine Führung durch die Gebäude und das ehemalige Lagergelände durch die pädagogischen Mitarbeiter der Gedenkstätte bildet den Abschluss des Studientages.
  • Im Rahmen der Fahrten-, Studien-, und Projektwoche (Woche vor den Herbstferien) finden Fahrten zu Gedenkstätten im Inn- und Ausland statt. Die Teilnahme an den Fahrten setzt eine Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema in Vorbereitungstreffen voraus. Für den Tag der Offenen Tür, die Homepage und interessierte Schülerinnen und Schüler bereiten die Teilnehmer Präsentationen vor.

  • Auschwitz2Im Jahr 2011 fand eine Fahrt nach Oswiecim/Auschwitz und Krakow/Krakau (Polen) statt. Die Fahrt stand unter dem Thema „Jüdisches Leben in Osteuropa – eine Spurensuche im Gestern und Heute“.
  • Für das Jahr 2013 ist eine Fahrt in die Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und nach Berlin geplant. In Ravensbrück werden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Archiv mit den Biographien der ehemaligen Aufseherinnen und des SS-Personals sowie deren Motivationslagen beschäftigen. In Berlin findet in der Ausstellung „Topographie des Terrors“ (Ort des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes) ein Seminar zum Thema „Täter“ statt.
    Weiterhin besteht zwischen der Rheingauschule und der freien Bildungseinrichtungseinrichtung „basa“ eine Kooperation, die es 5-10 Schülerinnen und Schülern der RGS ermöglicht an Fahrten nach Oswiecim/Krakow und Terezin (Theresienstadt) teilzunehmen. Im Rahmen der Studienwoche 2013 wird zudem eine Fahrt nach Weimar angeboten, wobei auch ein Besuch der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald geplant ist.

  • Die Auseinandersetzung mit der SED – Diktatur findet aus verschiedensten Gründen oft zur wenig Raum im Geschichtsunterricht, das mag auch daran liegen, dass der zeitliche und gedankliche Abstand zu dieser jungen Vergangenheit noch gering ist. Bereits zweimal fand ein Gespräch zwischen Herrn Thomas Mahler und Oberstufenkursen der Rheingauschule statt. Herr Mahler hat als junger Erwachsener seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem DDR System machen müssen.
    Zudem führte ein Oberstufenkurs im Rahmen der Studienfahrt ein Projekt in der Gedenkstätte der ehemaligen Haftanstalt des Ministeriums der Staatssicherheit der DDR in Bautzen durch.
    Bei Studienfahrten nach Berlin ist zumeist ein Besuch der Gedenkstätte der ehemaligen U-Haftanstalt Hohenschönhausen vorgesehen.

Fachschaft Geschichte / Rheingauschule Geisenheim
 


 

Gedenkstättenfahrt nach Krakau und Auschwitz 2015

gedenk2015Seit einigen Jahren ist der Besuch von und die Arbeit an „verunsichernden Orten“ fest im Schulleben der Rheingauschule verankert. Unsere diesjährige Fahrt fand vom 09.-17.10. statt und führte uns nach Krakau und Oswiecim /Auschwitz. 22 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q1 meldeten sich freiwillig für diese Fahrt an.  Wie in den  Jahren zuvor starteten wir in Krakau, um mit unserer Spurensuche zum jüdischen Leben in Polen zu beginnen. Der Besuch des Museums „Schindlers Fabrik“ bot einen guten Einstieg in die polnisch-deutsch-jüdische Geschichte der Stadt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten zudem die Gelegenheit in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz mit einem der nur noch wenigen Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz zu sprechen.  Eine Chance, die sich folgenden Gruppen wohl nicht mehr bieten wird.  „Verunsichernd“ war die Fahrt für die Teilnehmer dann in einem doppelten Sinne, zum einen aufgrund der Unvorstellbarkeit der Vernichtungsmaschinerie, zum anderen aufgrund der Tatsache, dass Auschwitz auch eine Touristenattraktion darstellt.  (Martin Schunk)

Der folgende Bericht wurde von der Teilnehmerin Angelina Kraus verfasst.

Bericht über Auschwitz

Tag 1 - Oswiecim

Nach unserem zwei tägigen Aufenthalt in Krakau fuhren wir nach Oswiecim, Polen.

Durch lange informative Gespräche wurden wir bereits auf die bevorstehenden Ereignisse vorbereitet, aber alleine die zwei stündige Fahrt in einem alten wackeligen Zug sorgt für ein unwohles Gefühl.

Nachdem wir in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte unsere Sachen abgelegt hatten, begann die Führung durch die 40.000 Einwohner Stadt und wir besuchten die noch erhaltene Synagoge, um etwas über die damals dort lebende jüdische Bevölkerung, die religiösen Traditionen und das einst  gut funktionierende Zusammenleben mit den christlichen Einwohnern zu erfahren.

Besonders interessant :  Oswiecim kommt von dem jiddischen Wort ospizim, welches  Gast bedeutet. Während der deutschen Besatzung wurde der Ort wieder in Auschwitz umbenannt.

Am Abend wieder in der  IJBS angekommen planten wir den nächsten Tag und bereiten uns damit auf die erste Führung vor.

Tag 2 - Stammlager

Auschwitz besteht aus drei  Lagern: dem Stammlager, dem Vernichtungslager Birkenau und dem Außenlager  Monowitz.

Die erste Gänsehaut bekamen wir beim Hindurchgehen durch das Tor mit der Aufschrift “ Arbeit macht frei” welches von allen Seiten mit Stacheldraht abgegrenzt,  der einzige Eingang in das Lager ist. Einen Ausgang gibt es nicht.

Die Baracken des Stammlagers wurden zu Länderausstellungen und zu Ausstellungen, in denen das Leben und Sterben der Häftlinge gezeigt wird, umfunktioniert. Man findet dort Fotos, Koffer, Kleidung, Dokumente, Karten und Modelle, die die Zustände im damaligen Lager darstellen. Am erschreckendsten: ein Raum mit Tonnen von Haaren.

Über Kopfhörer nahmen wir die Worte des Guids auf und verinnerlichen diese so sehr, dass keiner aus unserer Gruppe während der vier stündigen Führung auch nur ein Wort sagt.

Scham, Betroffenheit, Wut und Trauer  waren Gefühle, die sich bei uns während der Führung abwechselten und wir fragten uns, wie Menschen zu solchen Grausamkeiten fähig sein konnten. Die Schicksale von einzelnen Menschen sind so unvorstellbar und waren doch real.

Unser vorletzter Stopp an diesem Tag war die von Israel konzipierte Shoah-Austellung, die seit zwei Jahren besteht. Für viele Teilnehmer der emotionalste Moment dieser Reise.

Der letzte Halt war das Krematorium, ein Ort für den es für mich keine Worte gibt - ein Ort des Schweigens und des Gedenkens an die Opfer.

Die gemeinsamen Treffen am Abend halfen jedem, die Eindrücke des Tages zu verarbeiten.

Tag 3 - Birkenau

Das Ausmaß ist unvorstellbar. Um dieses Lager zu bauen, mussten sechs Dörfer umgesiedelt werden. In das Lager wurden 1944 Schienen fast bis vor die Gaskammern gebaut, um die Menschen aus den großen Transporten aus Ungarn möglichst effektiv töten zu können.

Die meisten der Baracken und alle Krematorien wurden kurz vor der Ankunft der Roten Armee gesprengt. Zwei davon durch einen Aufstand der Häftlinge.

In diesem Lager gibt es viel weniger Bilder  und Veranschaulichungen. Man kommt sich nicht vor wie in einem Museum, sondern wie auf dem kältesten Platz der Welt.

Wir besichtigten an diesem Tag Männer, Frauen und Kinder Baracken, das Denkmal und die sogenannte Sauna,  in der die Häftlinge ihre Sachen abgeben mussten und die Häftlingskleidung bekamen. Dort befindet sich heute eine Ausstellung  der übrig gebliebenen Bilder der ermordeten Juden.

Tag 4 - Zeitzeugengespräch

An unserem viertem Tag in Oswiecim bekamen wir die Möglichkeit mit einem überlebenden Häftling zu sprechen, der uns über seine Erlebnisse berichtete. Herr Dlugoboski ist 89 Jahre alt und wurde als polnischer politischer Gegner des NS mit 16 Jahren  inhaftiert. Er überlebte das Lager durch seine Arbeit in der Sauna und konnte auf dem sogenannten Todesmarsch vor dem Eintreffen der Roten Armee fliehen. Herr Dlugoboski ist ein beeindruckender herzlicher Mann, dem wir sehr dankbar für seine Offenheit sind, die uns einen weiteren Einblick in die vergangene Zeit ermöglichte.

Tage 5 und 6 Reflexionen

Die letzten zwei Tage in der IJBS verliefen im Rahmen der Gruppe,  indem wir mit verschiedenen Workouts und Präsentationen weitere Informationen über den Nationalsozialismus erhielten.

Ich glaube, ich spreche hiermit für alle Teilnehmer der Reise, wenn ich sage, dass uns diese Fahrt für ein Leben lang geprägt hat und wir gelernt haben, dass nationalsozialistische Vernarrtheit die Menschlichkeit ausblendet und das keiner das Recht hat sich über jemand andern zu stellen.

Wir hoffen auf eine Zukunft in der Akzeptanz und Gerechtigkeit siegen und eine kulturelle Vielfalt angenommen wird. Wir bedanken uns für die Möglichkeit so eine Gedenkstättenfahrt machen zu können und dafür, dass in jedem von uns ein Verständnis  für den anders Denkenden geweckt wurde.

Angelina Kraus, November 2015

 


 


Lernen an verunsichernden Orten

Bericht zur Gedenkstättenfahrt nach Warschau vom 12.-18.06.2014

warschau122 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Jahrgangsstufen E und Q1 der Rheingauschule hatten sich für das Projekt „Jüdisches Leben zwischen Gestern und Heute“ angemeldet, um mehr über das Leben der polnischen Juden vor 1939, den Holocaust, die deutsche Besatzung in Polen und das aktuelle deutsch-polnische Verhältnis zu erfahren. Die Gedenkstättenfahrt fand zum dritten Mal im Rahmen der Projektwoche statt.

Unmittelbarer Anlass der diesjährigen Fahrt war der 70. Jahrestag des Warschauer Aufstandes im August-Oktober 1944. Die polnische Untergrundarmee (AK), Partisanenverbände und Zivilisten setzten sich gegen die deutschen Besatzungstruppen zur Wehr, der Aufstand wurde durch SS, SD und Wehrmachtseinheiten brutal niedergeschlagen. Im Warschauer Stadtviertel Wolna wurden an einem Tag 20.000 Zivilisten erschossen und es kam zu Massenvergewaltigungen durch deutsche Soldaten. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde die Warschauer Innenstadt systematisch durch Sprengungen zerstört und die überlebenden Zivilisten in Konzentrationslager oder zur Zwangsarbeit ins „Reich“ verbracht. Insgesamt wurden ca. 150.000 Polen ermordet. Seit 2004 erinnert das Museum des Warschauer Aufstandes an die Geschehnisse 1944. Es gilt als eines der modernsten Museen und gehört zum Pflichtprogramm für alle polnischen Schulklassen. Unsere Gruppe besuchte das Museum am vorletzten Tag unserer Fahrt. Der Museumsbesuch regte anschließend zu spannenden Diskussionen über Geschichtskultur an.

warschau3Den zentralen Schwerpunkt der Fahrt stellte aber die Auseinandersetzung mit der jüdischen Vergangenheit der Stadt Warschau dar. Vor 1939 war Warschau mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 39% bei 1000.000 Einwohnern das kulturelle Zentrum des Ostjudentums. Von dieser Kultur blieb 1945 nichts übrig, nur einige hundert Juden überlebten. Wir suchten mit der Gruppe zentrale Orte des ehemaligen Ghettos auf (Reste der Ghettomauer, den jüdischen Friedhof, den Umschlagplatz – von dem die Deportationen in die Vernichtungslager, zumeist Treblinka, erfolgten; das Waisenhaus von Janus Korczak, der mit 200 ihm anvertrauten Kindern in die Gaskammer ging; das Haus des Vorsitzenden des Judenrates Adam Czerniakow; den Ort an dem die Brücke stand, die beide Ghettoteile verband; den Platz der Großen Synagoge sowie das berüchtigte Pawiak Gefängnis). Am Ende des Rundgangs stand die Besichtigung der Nozyk Synagoge, der einzigen der unzähligen Synagogen Warschaus, die erhalten blieb.

Bereits im Sommer 1942 wurde ein Großteil der ca. 500.000 Ghettobewohner nach Treblinka deportiert, im April 1943 brach im Ghetto ein Aufstand aus, ein paar hundert sehr schlecht bewaffneter Kämpfer leisteten Widerstand vor der bevorstehenden Deportation. Das Ghetto wurde fast vollständig zerstört und nur ganz wenigen Menschen gelang die Flucht durch die Kanalisation. Einige von ihnen überlebten in Verstecken im „arischen“ Teil der Stadt. Hilfe organisierte vor allem die „Zegota“- eine Organisation der polnischen Exilregierung mit Sitz in London. Seit 2013 gibt es unmittelbar am Denkmal der Ghettohelden, an dem Willy Brandt 1970 seinen legendären Kniefall vollzog, das Museum für die Geschichte der polnischen Juden, ein architektonisch sehr interessantes Gebäude, die Dauerausstellung, die die 1000 jährige Geschichte der polnischen Juden zeigt, wurde am 28.10.2014 eröffnet.

Schockierend für alle war der Besuch der Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka ca. 80 km nordwestlich von Warschau. Innerhalb von nur 8 Monaten wurden von einer durchschnittlichen Besatzung von 30 SS Männern und ukrainischen Hilfskräften 900.000 Menschen vergast und erschossen. Um Spuren zu verwischen, wurden die wenigen Gebäude abgerissen, der Boden umgepflügt und anschließend Blumensamen ausgestreut. Am Abend nach dem Besuch versuchte sich die Gruppe anhand von Auszügen aus der Gerichtsverhandlung gegen Otto Ohlendorf (RSHA) und Interviewpassagen aus Lanzmanns Shoa über Franz Suchomel (Unterscharführer in Treblinka) mit den Motiven des Täterhandelns auseinanderzusetzen.

warschau2Gerade vor dem Hintergrund der so abstrakt erscheinenden totalen Vernichtung, der Auslöschung der menschlichen Existenz aber auch der Löschung aller Erinnerungen an die Ermordeten, war es ein großes Glück für die Gruppe mit einer der noch wenigen Überlebenden der Shoa sprechen zu können. Krystyna Budnicka (member of Association of Children of the Holocaust) erzählte uns sehr eindrucksvoll ihre Geschichte. Als Zehnjährige überlebte sie, zunächst versteckt in einem Bunker im Ghetto und nach dessen Zerstörung und Flucht durch die Kanalisation in einem katholischen Waisenhaus. Ihr Bericht hat trotz der Verständigungsschwierigkeiten einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ihr Appell gegen Krieg, Ausgrenzung und Rassismus aktiv vorzugehen, spannte den Bogen in die Gegenwart.

Am letzten Abend schauten wir gemeinsam den Film „Pizza in Auschwitz“. Er thematisiert auf eine sehr zynische Weise die Schwierigkeiten des Weiterlebens nach dem Überleben.

In Samsons Restaurant fand bei gutem jüdischen Essen und vielen interessanten Gesprächen unsere diesjährige Gedenkstättenfahrt ihren Abschluss.

Martin Schunk



 Zwischen Zukunft und Vergangenheit

– Integration und Vernichtung 

Bericht von einer Studienfahrt nach Krakau und Oświęcim  2013

Bereits seit mehreren Jahren existiert eine gut funktionierende Kooperation zwischen der Rheingauschule und der freien Jugendbildungsstätte BASA e.V..

Auch in diesem Jahr bestand wieder für 8 Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte die Möglichkeit sich der besonderen Herausforderung des Lernens am „verunsichernden Ort“ Auschwitz zu stellen.

Die Schülerin Anita Müller hielt ihre Eindrücke fest:

Am Abend des 3. Dezembers 2013 flogen wir, das heißt acht Schülerinnen und Schüler unserer Schule mit Herrn Schunk und acht Schülerinnen und Schüler der Philip– Reis – Schule, deren Lehrer sowie den zwei Leitern des Seminares Dirk Springenberg und Rainer Hartel der BASA e.V. nach Polen.
Müde aber erwartungsvoll ziehen wir unsere Koffer durch die kleine Halle des Kattowicer Flughafens bei Krakau in die kühle Nacht.
Vor uns liegen eineinhalb Tage Krakau und fast vier Tage Oshpitzin – Oświęcim, oder wie wir es kennen: Auschwitz.
Wir lernen die bezaubernde Stadt Krakau kennen, erfahren etwas über ihre multikulturelle Vergangenheit, schließen erste Kontakte, genießen diese gewisse Leichtigkeit. Leichtigkeit, die man besonders fühlt, weil wir wissen, dass sie nicht, zumindest nicht bedingungslos erhalten bleiben kann und wird.
In Oświęcim übernachten wir in der Jugendbegegnungsstätte, einem Haus mit großen Fenstern, hellen Räumen und hölzernen Dachbalken.
Von dort besuchen wir auch das Konzentrationslager Auschwitz, was aus einem Stammlager, dem Vernichtungslager Auschwitz -  Birkenau und mehreren Nebenlagern, wie Monowice, dem Standort der IG Farben Werke, und ungefähr 50 weiteren Außenlagern in der Region, bestand. Wir schauen uns lediglich das Stammlager, nach persönlichem Interesse die Ausstellungen dort und Birkenau an.
Wir gehen durch das Tor von Auschwitz-Birkenau, an den Schienen entlang, unter unseren Füßen ein Stück Weltgeschichte, das Blut, die Tränen und Hoffnungen mehrerer hunderttausend Menschen...und für uns bekommt Geschichte eine völlig neue Bedeutung, weil sich unser Blick ändert. Auschwitz, das sind plötzlich nicht mehr 1,1 Millionen ermordete Menschen zwischen Mai 1940 und Januar 1945, es werden Einzelschicksale.

Geschichte besteht nicht mehr nur aus Fakten, es sind Menschen.

Geschichte erfordert Mut, Mut gerade diese Einzelschicksale zu sehen.

Mut „empathisch zu sein, in einem Bereich, in dem die Empathie einem so viel abverlangt“, wie die Autorin Katarina Bader treffend formuliert.

Es regnet, als wir am Vormittag des 9. Dezembers am Flughafen in Kattowice ankommen. Es ist derselbe Flughafen, trotzdem ist etwas anders. Hinter uns liegt eine intensive, emotionale und lehrreiche Zeit. Wir haben viel mitgenommen, aber es ist auch, als bliebe von uns etwas dort.
Das Erlebte und Erfahrene wird uns wohl auch nach unserer Rückkehr nach Deutschland noch beschäftigen.

Der französische Autor Stephan Hesselt schreibt in seinem Buch „Edgar Morin – Wege der Hoffnung“ Folgendes: „Nun erhebt sich in Europa, auch in Frankreich, wieder ein beängstigender Fanatismus der Ausgrenzung und Ausweisung. Er hat, wie jeder Fanatismus zwei geistige Wurzeln. Die eine ist der Fundamentalismus, das heißt die Verteufelung aller, die anders sind und anders denken und die deshalb abgelehnt werden, gegebenenfalls bis zur Vernichtung.
Die zweite ist die Reduktion des anderen auf die (tatsächliche oder eingebildete) dunkelste Seite seiner Persönlichkeit.
Dagegen richten allein Appelle an die Vernunft nichts aus. Über sie hinaus brauchen wir, als Ergebnis einer wirksamen Bildungsreform, die Fähigkeit zu einem vernetzten Denken, mit dem wir die Gesamtheit der verschiedenen, auch ambivalenten Aspekte eines Phänomens, einer Bevölkerung, einer Person -  auch der eigenen -  zu erkennen vermögen.“
Irgendwann ist man erschüttert, erschüttert von Geschichten und Einzelschicksalen, einfach weil es mit unseren Werten und Moralvorstellungen nicht erfassbar ist, was damals geschah, was Menschen Menschen antun können.
Auch diese Erschütterung bleibt einigen erhalten, sie begleitet uns und das ist gut, Erschütterung ist gut, nicht immer, aber ab und zu.
Sie hält uns immer wieder vor Augen, was passieren kann, stellt uns immer wieder die Frage: „Wo würdest DU stehen?“
Sie schlägt die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, denn Geschichte ist nicht einfach Vergangenheit und vorbei, Geschichte ist auch Gegenwart und Zukunft.

Anita Müller (Leistungskurs Geschichte)



Ravensbrück/Berlin-Fahrt 2013

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ war das Motto am 6.10.2013 als sich 27 Schüler und Frau von Ingelheim um viertel vor neun an der Rheingauschule sammelten, um gemeinsam die schon lang ersehnte Studienfahrt nach Ravensbrück und Berlin zu beginnen. Pünktlich um 9 Uhr fuhr der aus Berlin stammende und humorvolle Busfahrer los. Nach knappen neun Stunden Karten und Tabu spielen, lesen, Musik hören oder mit dem Nachbarn unterhalten waren alle heilfroh, als der Busfahrer verkündete, wir wären in zehn Minuten da. Das Lächeln erlosch jedoch ziemlich schnell, als wir kurze Zeit später von der Landstraße abbogen und auf einem erdigen Weg mitten in den Wald fuhren...

Die aufkeimende Panik war schnell verflogen, denn die Aussicht auf Abendessen und ein weiches Bett vertrieb alle anderen Gedanken aus unseren Köpfen.

Auch Herr Schunk, die zweite Lehrkraft, die uns begleiten sollte, war angekommen.

Unsere Gruppe war in einem eigenen Haus untergebracht, erst später erfuhren wir, dass dort früher die Aufseherinnen des KZs gelebt hatten. Erschöpft von der langen Reise und dem Abendessen gingen wir früh schlafen.

Den nächsten Tag begannen wir viel zu früh mit einem Frühstück, welches das Essen des vorherigen Tages in allen Punkten in den Schatten stellte. Noch halb schlafend, über unseren Kaffe gebeugt, waren wir doch etwas beeindruckt, als Herr Schunk mit einigen Schülern vom Joggen wiederkam. Nach kurzem Duschen begann auch schon das Programm.

Zuerst stand eine selbstständige Geländeerkundung in Kleingruppen auf dem Plan. Herr Heyl arbeitet in der Jugendbegegnungsstätte und merkte als aller erstes in seiner Einführung an, dass er jederzeit für Fragen und Kritik da wäre und machte auch sonst einen aufgeklärten und sympathischen Eindruck.

Die Geländeerkundung war, meines Erachtens, viel zu kurz. Sie ließ uns gerade genug Zeit, um vom Hauptgebäude über einen wunderschönen See in dem frische Rosen zum Andenken an all die Tote lagen zum Krematorium zu laufen und dabei erste, oft auch erschreckende und bewegende Eindrücke zu sammeln. Bis zum Rand voll mit Fragen begannen wir, diesmal als große Gruppe und mit Herrn Heyl, eine weitere, größere Runde. Für viele hat dieser Rundgang mit all seinen Anekdoten und Fakten wohl einen noch größeren Eindruck hinterlassen als der erste. Vor allem auf dem Appellplatz war unsere Gruppe still und hörte aufmerksam zu, als Herr Heyl von gescheiterten Fluchtversuchen, Märtyrerinnen und medizinischen Experimenten an Frauen erzählte.

Nach einem für Jugendhehrbergen vergleichbar gutem Essen und einer großen Pause machten wir uns auf den Weg in die große Hauptausstellung zum Leben der Häftlinge im KZ Ravensbrück. Da wir in kleinen Gruppen zu verschiedenen Themen wie zum Beispiel Kinder, Ankunft, Nachbarn in Ravensbrück Aufgaben zu erledigen hatten, gab es für uns den einfachen Arbeitsauftrag uns die Ausstellung anzusehen, mit dem Fokus auf unser spezielles Thema. Einfach. Das dachten wir zumindest... Die unglaubliche Größe des Gebäudes und die Fülle der Informationen, die aus allen Infoständen, Auslagen und akustischen Berichten zu ziehen waren, überforderten uns enorm. Wer jedoch Arbeitsauftrag Arbeitsauftrag bleiben  ließ konnte sich einige nützliche und spannende Informationen zusätzlich ergattern.

Nach dem Abendessen saßen wir alle (ja, auch die Lehrer!) noch in einem Stuhlkreis im Flur und erzählten uns Geschichten, ebenfalls etwas das mich positiv überrascht hat. Der Zusammenhalt einer Gruppe, auch wenn wir sonst bunt gemischte Individuen sind, verstärkt sich durch eine Studienfahrt extrem. Doch diesen wunderschönen Effekt schon am ersten richtigen Abend zu erzielen, damit hatte wohl niemand gerechnet.

Der nächste Morgen begann wie der vorherige auch: unausgeschlafen, geduscht oder nass geschwitzt vom Joggen, verspeisten wir ein Brötchen und holten dann unsere Materialien für ein weiteres Highlight der Fahrt: Die Archiv-Arbeit.

Die gesamte Gruppe erhielt zu Beginn eine Einführung von zwei netten Archiv-Mitarbeiterinnen zum Umgang und der Arbeit mit Büchern, alten Schriften, Bildern und anderen Materialien und vor allem mit Zeitzeugen. Dann hatte ein Drittel der Gruppe die Möglichkeit, sich das Archiv in aller Ruhe anzusehen und in den verschiedensten Büchern Informationen zu eigenen oder von Herr Schunk vorgegebenen Themen und Fragestellungen zu suchen. Die anderen haben sich die Ausstellungen „Im Gefolge der SS-Aufseherinnen im Frauen-KZ“ und „Alltag und Verbrechen der Ravensbrücker SS-Offiziere“ angesehen. Auch diese war informativ, jedoch konnte einen die unglaubliche Fülle an Biografien der Täterinnen buchstäblich erschlagen.

Entgegen unserem Plan haben wir nach dem Abendessen nicht mit existentiellen Fragen und Gedankenexperimenten zu den Häftlingen und Täterinnen im KZ Ravensbrück beschäftigt, sondern zur Entspannung „Der Vorleser“ gesehen. Von Entspannung konnte jedoch nicht die Rede sein, denn selten habe ich so viele unterschiedliche Gefühlsregungen auf den Gesichtern der anderen Schüler wahrgenommen wie bei diesem Film. Von Ekel und Entsetzen über Trauer hin zu Hoffnung und Spaß war alles vertreten. Aufgewühlt von einem Filmabend der etwas untypischen Art gingen wir noch lange nicht schlafen an unserem letzten Abend in der Jugendgedenkstätte des Frauen-KZ Ravensbrück.

Am nächsten Tag war reges Treiben in unserem Haus. Koffer wurden gepackt, Betten abgezogen, Bäder und Schränke gelehrt und Dreck auf den Flur gekehrt. Die letzte Gruppe stöberte durch Aufzeichnungen im Archiv und einige arbeiteten weiter an Präsentationen und Aufgaben. Am Nachmittag ging es dann endlich auf die lang ersehnte Reise in Deutschlands wunderschöne Hauptstadt. Selbst die letzte Müdigkeit wurde von der Vorfreude aus unseren Köpfen vertrieben und keiner dachte an Schlaf als wir knappe zwei Stunden später den Hauptbahnhof in Berlin erreichten. Nur noch einige S-Bahn-Stationen und fünf Minuten Fußweg, schon waren wir am Hostel. Schnell wurden die Zimmer bezogen, Haare durchgekämmt, Klamotten gewechselt und die Tasche umgepackt. Schon ging es weiter zum Holocaust-Mahnmal. Ein sehr eindrucksvolles Denkmal zur Erinnerung an die Shoa. Während wir zwischen den verschieden hohen und breiten Steinquadern umherliefen, beschlich uns alle ein mulmiges Gefühl, welches erst verschwand, als wir uns in Bewegung setzten, um das nicht weit entfernte Brandenburger Tor zu besichtigen. Ab da gab es endlich die lang ersehnte Freizeit in Berlin. In Kleingruppen liefen wir umher und erkundeten die Stadt bei Stadtrundfahrten, Einkaufsbummeln oder dem Auffinden der besten Kneipe. Am Abend ließ es sich trotz Kälte keiner nehmen das „Festival of lights“, bei dem verschiedenste Sehenswürdigkeiten mit buntem Licht angestrahlt werden, mit einem warmen Glühwein zu genießen.

Auch am nächsten Tag blieb natürlich das Arbeiten und Lernen nicht aus. Insgesamt mehr als fünf Stunden verbrachten wir in der Ausstellung „Topographie des Terrors“ mit besonderem Bezug auf den Teil „Der Terrorapparat: Das Denken und Handeln der Täter“. Bei einer Führung durch die Ausstellung, welche größtenteils aus alten Bildern und zu viel Text bestand, viel es doch den meisten schwer sich auf die Erzählungen der Mitarbeiterin zu konzentrieren. Auch später, als wir in kleinen Gruppen Informationen zu den verschiedenen Tätertypen erarbeiten und Quellen auswerten sollten, fiel es uns nicht leicht unsere Augen offen zu halten, geschweige denn unsere Aufgaben gewissenhaft zu erledigen. Dennoch waren einige Filme und vor allem manche Anekdoten spannend und unterhaltsam, was unsere Laune erheblich besserte und unsere Arbeitswilligkeit für den letzten Tag um einiges steigerte.

Wir waren alle trotzdem heilfroh, als Herr Schunk uns verkündete, es sei nun doch etwas viel verlangt noch am Nachmittag zu arbeiten und wir in unsere wohl verdiente Freizeit entlassen wurden. Das gleiche Spiel wie am vorigen Tag: Shoppen gehen, Essen, die Stadt erkunden... Auch der Abend unterschied sich nur geringfügig von dem letzten. Während die einen gute Musik in Berlins Kneipen genossen, verbrachten andere den Abend und die Nacht damit Karten zu spielen, zu singen und zu lachen.

Um kurz vor zwölf dann haben sich alle noch einmal in der Bar des Hostels versammelt, um mit Lisa in ihren Geburtstag 'reinzufeiern. Doch noch viel länger konnte man aus unseren Zimmern Lachen und Stimmen hören, denn diesen letzten Abend wollte keiner von uns jemals wieder vergessen... und das wird auch so sein.

Viel zu früh mussten wir am nächsten Tag die Prozedur, die wir schon von der Abreise von Ravensbrück kannten wiederholen. Völlig übermüdet stiegen wir um neun Uhr in den Bus, der uns nach Hause bringen sollte. Und obwohl es keinen gab, der dieser Fahrt im Allgemeinen etwas Negatives abgewinnen konnte, waren wir heilfroh als wir in Geisenheim auf die Schule zufuhren und den lächelnden Gesichtern unserer Eltern entgegen winkten.

Alles in allem sind sich alle einig darüber, dass diese Studienfahrt anstrengend und lehrreich, aber auch wunderschön war. Das Programm hat Spaß gemacht und uns größtenteils auch interessiert. Die Lehrer waren gut drauf, witzig und locker. Wir waren eine Gemeinschaft, ein Team mit allen zusammen. Eine Woche haben wir permanent aufeinander geklebt, wir haben gemeinsam gearbeitet, uns unterstützt, wir haben uns aufgeheitert und gegessen, wir haben gelacht, geredet, gespielt. Wir sind zusammengewachsen und wenn ich heute über den Flur gehe und einen meiner Mitschüler der auch auf der Fahrt war sehe, dann kann ich nicht anders: ich muss lächeln.

Ricarda Fillhardt, Q2

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 30. November 2015 um 14:17 Uhr