school and education

Wir sind die Rheingauschule

Brief an die Abiturienten

Abitur 2020

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten

keine Abiturfeier, keine Reden, keine Sketche, keine Livemusik, keine Blumensträuße, keine Umarmungen, kein Händedruck, keine Begleitung durch Eltern, Freunde und Verwandte, kein Essen, kein Sektausschank.

Wer hätte sich das vor ein paar Monaten vorstellen können? Alle Schulen werden geschlossen, Geschäfte stellen den Verkauf und Fabriken die Produktion ein, Dienstleistungen können nicht mehr angeboten werden, die Lage ist unübersichtlich, verstörende Bilder aus Italien lassen das Schlimmste befürchten, eine Pandemie bedroht das Leben der Menschen in Europa und in der ganze Welt.

Lockdown, Mund-Nase-Schutz, Versammlungsverbote, Hygiene- und Abstandsregeln: Die explosionsartige Verbreitung des Virus konnte in Deutschland und in vielen weiteren Ländern erfolgreich gestoppt werden und wir hoffen, die Krise überwinden zu können. Eine Krise, deren Auswirkungen für Menschen in Ländern mit unterentwickelten Infrastrukturen, für Menschen in Kriegsregionen und für Flüchtlinge verheerend sein kann.

In dieser für uns alle schwierigen Situation musstet Ihr – liebe Abiturientinnen und Abiturienten – die Abiturprüfungen absolvieren. Offenbar mit gutem Erfolg! Eine Durchschnittsnote von 2,33 entspricht dem langjährigen Mittel, sechs Abiturientinnen mit der Traumnote 1,0 haben wir jedoch nicht alle Tage. Gratulation an Euch alle!

Entscheidungen fällen, das steht für Euch jetzt an oberster Stelle. Vielleicht muss die große Reise abgesagt werden, und schnell nach einem Studienplatz gesucht werden, vielleicht kann auch der fest zugesagte Ausbildungsplatz nicht angetreten werden, weil der Betrieb unter den Folgen von Corona leidet?

Wir leben in bewegten Zeiten. Die gewohnte Sicherheit im familiären Umfeld, die Geselligkeit mit Freunden, Gesundheit und Wohlstand sind in Frage gestellt. Wir suchen Orientierung, hören die Ratschläge der Wissenschaftler und Experten, sehen die Umsetzung der Empfehlungen in der Politik, spüren den gesellschaftlichen Druck, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu lockern, oder – je nach Standpunkt – zu verschärfen. Gleichzeitig befeuern uns elektronische Medien über Instagram, Youtube und Co. oft mit skurrilen Verschwörungslegenden und verbreiten ein irrationales Misstrauen in der Gesellschaft. Die Frage, ob überhaupt in absehbarer Zeit ein wirksamer Impfstoff gegen das COVID-19-Virus entwickelt werden kann, ist offen. Die Gefahr einer weltweiten Pandemie kann uns noch lange begleiten.

Damit müssen wir zurecht kommen. Entscheiden und Agieren unter einem Grad von Ungewissheit ist in einer komplexen und global vernetzten Gesellschaft eine notwendige Kompetenz. Es mangelt uns ja nicht grundsätzlich am Zugang zu Wissenskanälen, und es sind nicht alleine unsere Naivität oder unsere Trägheit, Neues aufzunehmen, Meinungen auszutauschen und Schlüsse zu ziehen, die uns diese Ungewissheit erleben lassen. Nein, es ist eher der Umstand, dass es zu manchen Fragen keine Gewissheiten gibt und die Publikation von Meinungen, von wissenschaftlichen Erkenntnissen, von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Manipulationen in unserem digitalen Zeitalter in ungeheurer Geschwindigkeit vonstatten gehen. Wir müssen auswählen, sortieren und darüber entscheiden, was wir für richtig und falsch, für wichtig und für unwichtig halten. Dabei bemerken wir hoffentlich, dass es Qualitätsjournalismus nicht dauerhaft geben kann, wenn keiner für eine unabhängige journalistische Leistung bezahlen will.

Wir brauchen unseren Verstand, um Zusammenhänge zu begreifen und die Stichhaltigkeit von Argumenten zu beurteilen. Wir brauchen unser Herz und ethische Grundsätze, um Empathie für unsere Mitmenschen zu zeigen und solidarisch zu handeln. Die Nachrichtenbloggerin Sham Jaff twitterte im März 2020: „ Die Aussage ‚Ich bin jung, deswegen juckt mich das Coronavirus nicht‘ ist der Zwillingsbruder von ‚Ich bin alt, deswegen ist mir der Klimawandel egal‘.“

Wissen und Verstand, Empathie und Solidarität, Grundwerte und Selbstbewusstsein, das sind Kompetenzen, die wir an der Rheingauschule vermitteln wollen. Hoffentlich ist es uns gelungen, denn für Euch ist die Schule beendet: Mit der Reifeprüfung wird Euch das erfolgreiche Durchlaufen der schulischen Etappe auf dem Weg zum Erwachsenwerden und zur Selbstständigkeit bescheinigt.

Habe ich die richtige Ausbildung gewählt? Bin ich in die richtige Stadt gezogen? Bin ich ausreichend vernetzt und im Freundeskreis anerkannt? Bin ich zu dünn, zu dick, zu blond zu macho, zu dumm zu oberflächlich, zu nachgiebig zu hart, zu frech zu schüchtern….? Gerade in der unduldsamen Ära der Selbstoptimierung, deren Ansprüchen wir oft nicht gerecht werden können, erschüttern uns Zweifel in besonderem Maße, und fallen uns Entscheidungen schwer. Vielleicht ist es ein Trost, dass „decision making“ schon immer eine heikle Sache war und es hilfreich sein kann, die Lage etwas entspannter zu sehen. Vor über 100 Jahren hat der amerikanische Autor und Lyriker Robert Frost in seinem Gedicht „The Road Not Taken“ das Dilemma geschildert, nach meinem Eindruck mit ein bisschen Selbstironie. Oft entscheiden wir keineswegs vor dem Hintergrund: „Ist das jetzt richtig oder falsch?“, sondern wir können uns zwischen mehreren vernünftigen und gangbaren Wegen nicht entscheiden.

Mein Rat: Gebt Eurer Intuition eine Chance! Fordert Euch, aber tut das, was zu Euch passt und womit Ihr Euch wohl fühlt.

Für Eure Zukunft und Euer „decision making“ wünsche ich Euch Erfolg und die nötige Gelassenheit.

Thomas Fischer

Schulleiter der Rheingauschule

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same,

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
two roads diverged in a wood, and I --
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost (1916)

Die verpasste Straße

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für'n andern Tag!
Doch wusste ich, wie's meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählt' ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht.

Übersetzung von Eric Boerner

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